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Soft-Touch: Die Beschichtung aus der Hölle

Über das Abenteuer zersetzter Kunststoffbeschichtungen und wie man sie einigermaßen wieder los werden kann.

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Neulich beim Aufräumen fiel mir wieder mein Colorimeter in die Hände. Das i1 Display Pro von X-Rite, welches ich mir vor über 10 Jahren von meinen ersten Gehältern gegönnt habe, fristet bereits einen Großteil seines Lebens ein eher klebrig staubiges Dasein in meinem Regal. Denn bereits nach knapp zwei Jahren fing die auf der Schutzabdeckung angebrachte Soft-Touch-Lackierung an sich ein wenig sticky anzufühlen. Heinz Erhardt würde sagen: „Glebt!“

Nun wurde das Gerät ja eigentlich dafür angeschafft meine Displays in regelmäßigen Abständen auf ihre Farbtreue abzustimmen – ist das ja so ziemlich das höchste Gut meiner täglichen Arbeit als Gestalter.

Doch mit zunehmenden Alter des Geräts wurde die Beschaffenheit immer unerträglicher. So weit, dass ich das Teil nicht mal mehr richtig verstauen konnte und stattdessen auf irgendeinem Rest Luftpolsterfolie in einer leeren Ecke meines Regals abgestellt habe.

Diesen Zustand konnte ich nicht mehr länger ertragen, sodass ich mich kürzlich rangesetzt habe, irgendwas gegen diese zerfallende Beschichtung des Teufels zu unternehmen.

Ein regelrechter Jahresvorrat an Staub hat sich mit der Zeit auf dem Gerät niedergelassen. Gekommen um zu bleiben?

Verklebte Obsoleszenz?

Ehe ich wild für mich irgendwelche Putzversuche anstelle, wollte ich nach Leidensgenossen schauen, in der Hoffnung vielleicht den ein oder anderen Tipp für mein Vorhaben abzugrasen. In etlichen Foren fand ich ebenso gebeutelte Besitzer von X-Rite-Messgeräten.

Denn nicht nur dieses eher günstigere Modell wurde mit dieser Ausgeburt der Oberflächenveredelung gesegnet, sondern auch die Produkte aus dem vierstelligen Preissegment.

Und gerade beim deutlich teureren i1 Pro ist die Problematik richtig mies, weil fast das gesamte Gerät mit diesem Gerümpel beschichtet wurde. Bis fast hin zur unten angebrachten Öffnung des Sensors.

Auf meiner Suche nach Lösungen fand ich ein Video von „DIY RAY“ auf YouTube, der ebenso von einem pappigen Colorimeter geplagt war.

Leider ist das Video ein bisschen langatmig und bis zur Hälfte passiert einfach nichts außer pures Gefasel um den mittlerweile erkalteten Brei.

Also so ein bisschen wie hier gerade in diesem Blogpost.

Die Quintessenz daraus war für mich jedenfalls Alkohol, eine Zahnbürste, ein Mikrofasertuch und Patienten Geduld. Letzteres hatte ich leider nicht mehr im Haus, aber mit dem Rest hab ich trotzdem schon mal loslegen wollen.

Schrubben für den Seelenfrieden

Ich ging durch meine Wohnung, schnappte mir alle Utensilien und setzte mich an meinen Küchentisch. Erst einmal versuchte ich die Abdeckkappe vom Gerät zu lösen, damit ich nicht Gefahr laufe die optische Einheit mit Alkohol zu tränken und mehr Schaden anzurichten, als die verantwortliche Person mit dieser dämlichen Designentscheidung jemals tun konnte.

Sicherheitshalber klebte ich noch die Öffnung zum Sensor ab, damit da weder Staub noch anderer Dreck sich auf der Linse niederlassen konnte. Wer weiß wie lange ich mich mit diesem Projekt am Ende noch aufhalte …

Tatsächlich konnte ich allein mit dem Alkohol und der Zahnbürste den Schlonz der letzten Jahre von der Oberfläche holen, sodass die Abdeckung – trotz noch immer vorhandener Soft-Touch-Lackierung – nicht mehr ein Graus zum Anfassen war.

Ich habe ja so generell meine Problemchen mit allem was auch nur ansatzweise klebrig ist. Egal wie klein der Berührungspunkt ist, ich möchte meine Hände sofort in reinstem Palmolive® waterboarden.

Jetzt wollte ich aber, wo ich schon mal dabei bin, versuchen den gesamten Lack von der Kappe zu bekommen. In Teilen ist mir das mit dem ersten Durchlauf auch schon gelungen. Aber einige andere Stellen waren etwas hartnäckiger.

Mit dem Mikrofastertuch konnte ich nochmal etwas härter an die Sache rangehen, war meine alte Zahnbürste leider dann doch auf Dauer etwas zu weich für diese Maßnahme.

Aber so ganz los wurde ich die Beschichtung an allen Stellen leider nicht. Dafür fehlte es mir wie schon gesagt auch an der nötigen Geduld.

Wahrscheinlich würde ich mit anderen Hilfs- und Lösemitteln deutlich weiter kommen, aber der Esstisch musste auch mal wieder frei werden und ich gab mich mit diesem Teilerfolg für’s erste zufrieden.

Nicht schön, aber selten. Zwar sieht man noch immer Reste vom Soft-Touch-Lack, aber die sind zumindest erstmal nicht mehr unerträglich klebrig.

Softness ist nicht von Dauer

Nun gibt es diese Art der Gehäuseveredelung schon seit Jahrzehnten und eigentlich, würde man meinen, sollte doch hinlänglich bekannt sein, dass die nach einiger Zeit dazu neigen relativ unappetitlich zu werden.

Und dennoch gibt es immer wieder neue Produkte auf dem Markt, die weiterhin mit diesem Finish versehen werden. Oftmals um sie wertiger erscheinen zu lassen, wenn sie es gar nicht mal sind …

Sogar das HDMI-Kabel meiner Wii U ist echt nicht mehr schön anzufassen, weil die dort eingesetzte Gummierung sicher ähnlich brüchig in ihrer chemischen Zusammensetzung geartet ist.

Aber hier geht es ja um die nachträgliche Beschichtung von Kunststoffen mit einem Lack, der die Oberfläche schön seidig matt erscheinen lassen soll. Wenn neu, ist es in der Tat eine Augenweide und manchmal auch ein echter Handschmeichler.

Wobei mir in beiden Fällen lieber ein einfaches angerautes Plastikfinish wäre – ohne weiteres Coating on top. Sieht ebenso gut aus, fasst sich noch viel schöner an und ist zudem auch noch deutlich einfacher zu reinigen.

Aber vor allem: Produkte ohne Soft-Touch-Lackierung sind im Endeffekt auch deutlich nachhaltiger. Denn bei meinem i1 Display Pro war ich so ziemlich kurz davor es einfach in die Tonne zu kloppen. Oder zumindest die Kappe abzureißen …

Langanhaltende Freude an einem Produkt kann da so jedenfalls nicht entstehen. Da würde es mich nicht wundern, wenn Geräte, die eigentlich noch gut funktionieren, lieber entsorgt als weitergegeben werden.

Und das nur, weil sie einfach super klebrig geworden sind und man sie einfach nicht mehr anfassen möchte. Schade eigentlich.

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